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Ausstellungsansicht 49°
Ausstellungsansicht 49°

49° – Kulturelle Produktion in Karlsruhe

Die Ausstellung 49° – Kulturelle Produktion in Karlsruhe im Jubiläumsjahr widmet der Badische Kunstverein der Stadt Karlsruhe und ihrer reichen künstlerischen und kulturellen Schaffensszene. Bezug nehmend auf kulturelle Orte und Produktionsstätten in der Stadt, aktive und wieder geschlossene Nischen, fragen wir nach den gegenwärtigen und zukünftigen Bedingungen künstlerischer und kultureller Arbeit in Karlsruhe. Über die Dauer des Projektes präsentieren sich einige der eingeladenen lokalen Akteur*innen im Kunstverein oder werden an ihren eigenen Wirkungsstätten besucht. Ziel des Projektes ist, die kulturelle Vielfalt der Stadt deutlich zu machen und den generationen- und gruppenübergreifenden Austausch der einzelnen Akteur*innen zu stärken.

Dieses Projekt hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit, vielmehr verstehen wir diese Ausstellung als einen ersten Anstoß, um sich über die Vielfalt der kulturellen Szene zu informieren, Netzwerke zwischen den verschiedenen Bereichen zu knüpfen und auf der Basis einer Standortbestimmung die Frage zu stellen: Was braucht die kulturelle Produktion in Karlsruhe?

Für 49° wurde ein spezielles Ausstellungsdisplay entwickelt, das diese Schnittstelle zwischen Information, Kommunikation und Aktion verkörpert. Die beiden zentralen Räume verbindet beispielsweise eine große Stadtkarte, auf der die vielen Orte kultureller Produktion markiert sind. Einige dieser Ort haben uns Materialien und Artefakte gegeben, die auf verschiedenen Plattformen präsentiert werden. Diese Plattformen wurden aus den gebrauchten Möbeln vergangener Ausstellungen zusammengestellt, so dass die Ausstellungshistorie des Kunstvereins– diesmal aus der Sicht ihrer Architekturen und Displays – präsent ist. Besucher*innen der Ausstellung sind aufgefordert, die Karte zu ergänzen und uns über weitere Orte zu informieren. So geht es auch um eine notwendige Teilung von Wissen aus den verschiedenen Sparten, die wir anregen und deren Ergebnisse wir im Kunstverein zusammenführen möchten. Die Ausstellung ist zur Eröffnung nicht abgeschlossen, sondern wird während der Laufzeit verändert und ergänzt. Ein großer Tisch lädt zum Verweilen ein, hier können die Besucher*innen ihre Meinungen äußern, aber auch Portfolios und Kataloge studieren. Zugleich dient der Tisch den Veranstaltungen rund um das Projekt.

49° – Kulturelle Produktion in Karlsruhe besteht aus drei wichtigen Sektionen. In den Ausstellungsräumen steht das Thema Kunst & Gewerbe im Zentrum, das bereits zur Gründung des Kunstvereins eine zentrale Rolle spielte und noch heute in der Stadt lebendig ist. Ursprünglich als Verein für Kunst und Industrie geplant, zeigte der Kunstverein von 1821 bis 1829 ausschließlich Kunst- und Industrieausstellungen und einer der historischen Ausstellungsräume (heute Waldstraßensaal) war noch über jene Jahre hinaus als Kunstgewerbesaal deklariert. Das heutige Café Rih beherbergte über Jahrzehnte ein Kunstgewerbegeschäft, das auch auf einer der großformatigen historischen Fotografien in der Ausstellung zu sehen ist. Die Modeschöpferin Emmy Schoch (1881–1968), die ihr Atelier in der Waldstraße 3 betrieb, und der Fotograf und Chronist der Stadt Horst Schlesiger (1925–1993), der viele Jahre Ausstellungen des Kunstvereins dokumentierte, sind zentrale konzeptuelle Referenzen des Projekts, vor deren Hintergrund die aktuelle Design- und Kunstgewerbeszene vor Ort beleuchtet wird. Durch die Hochschule für Gestaltung sind viele Grafik- , Architektur- und Design-Büros in der Stadt ansässig.

Eine zweite wichtige Sektion sind die Künstler*innen-Portraits, die über die Dauer der Ausstellung täglich in den Badischen Neuesten Nachrichten erscheinen. Um eine möglichst große Gruppe an Künstler*innen verschiedener Generationen vorstellen zu können und nicht nur eine kleine Auswahl in den Kunstvereins-Räumen zu zeigen, ist diese Kooperation mit der BNN initiiert worden. Die portraitierten Künstler*innen laden am selben Tag die Öffentlichkeit zu einem Atelierbesuch ein (jeweils von 16 Uhr bis 20 Uhr). Zudem wurde für die Ausstellung eine Registratur eröffnet, die Portfolios der Künstler*innenmitglieder des Vereins zugänglich macht. Mitglieder haben die Inhalte dieser Mappen aufbereitet und für die Präsentation zur Verfügung gestellt.

Die dritte Sektion umfasst die zahlreichen Veranstaltungen, die während der Ausstellung stattfinden, und diese nicht nur begleiten, sondern zentrale Fragen des Projektes aufgreifen So gibt es Events in den Räumen des Vereins, zugleich gilt es, sich aktiv in den Stadtraum hinein zu bewegen, um verschiedene Werkstätten, Kollektive und Studios am Ort ihrer Produktion zu besuchen. Neben einem Stadtspaziergang zur Mode Avantgarde, einer Fahrradtour zu Plattenläden oder einem Besuch der Südstadt, gibt es Workshops zur Nachhaltigkeit im Kunstgewerbe, Kalligraphie und zum Buchbinden. Zivilcourage in der Stadt ist ein weiteres Thema, ebenso soll über Möglichkeiten der Kunst im öffentlichen Raum, die Situation städtischer Atelierräume und Künstlerförderungen diskutiert werden. Zahlreiche Aktionen finden auch bereits rund um die Eröffnung und die lange Nacht der Museen in Karlsruhe –KAMUNA – statt. Der Schluss bildet ein Netzwerk-Treffen, an dem viele der im Prozess entstanden Themen noch einmal aufgegriffen und mit Blick auf die Zukunft zugespitzt werden sollen (Details entnehmen Sie bitte dem ausliegenden Kalender).

Es geht also zunächst um die Schaffung einer Basis als Standortbestimmung, um sich auf dieser Grundlage mit zentralen gesellschaftlichen, politischen und stadtpolitischen Fragestellungen zu beschäftigen. Einerseits ist lange anerkannt, dass eine vielfältige kulturelle Szene Städte für ihre Bewohner*innen attraktiver machen, andererseits müssen sich Künstler*innen aktiv gegen Vereinnahmungen als „Kreativwirtschaft“ wehren, die mit dem Wunsch nach unmittelbarer Verwertbarkeit die künstlerische Freiheit eher hindert. Wir möchten die Bürger*innen der Stadt einladen, die Räume und Veranstaltungen des Kunstvereins zu nutzen, um diesen Zwiespalt zu thematisieren und einen Diskurs über neue Formate und Möglichkeiten zu beginnen.

Kuratorinnen
Lisa Bergmann, Christina Scheib, Didem Yazici

Ausstellungsdesign
Thomas Rustemeyer

Fotografie
Stephan Baumann, bild_raum